Beziehung heisst auch, mit Begrenzungen leben lernen
Paarberatung aus hypnosystemischer Sicht
Wenn Unterschiede zur Herausforderung werden
Zu Beginn einer Beziehung liegt oft etwas sehr Verbindendes in der Andersartigkeit des Gegenübers. Genau das, was uns unterscheidet, wirkt anziehend, lebendig und faszinierend.
Der eine ist spontaner, die andere strukturierter. Der eine sucht Nähe, die andere braucht mehr Rückzug. Was am Anfang als Bereicherung erlebt wird, wird im Verlauf der Beziehung jedoch nicht selten zum Ausgangspunkt von Spannungen.
Mit der Zeit beginnt sich der Blick zu verändern. Unterschiede werden nicht mehr nur wahrgenommen, sondern bewertet. Aus Neugier wird Irritation, aus Irritation manchmal Kritik. Und nicht selten entsteht der Wunsch, den anderen ein Stück weit für sich „passender“ zu machen.
In der Arbeit mit Paaren zeigt sich oft genau diese Dynamik. Was ursprünglich Anziehend wirkte und im Wesentlichen zur Entstehung der Beziehung beigetragen hat, wird später als Differenz erlebt.
Dabei geht es häufig weniger um die konkrete Situation, in der die Differenzen sichtbar werden als um dahinterliegende Werte und Bedürfnisse. Unterschiedliche Vorstellungen von Nähe und Distanz, von Sicherheit und Freiheit, von Struktur und Spontaneität treffen aufeinander.
Unterschiede als bleibende Realität
Ein zentraler Wendepunkt in der Paardynamik liegt oft darin, anzuerkennen, dass sich bestimmte Unterschiede nicht einfach auflösen lassen. Und dass ich mein Gegenüber nicht verändern kann.
Gunther Schmidt, der Begründer der Hypnosystemischen Therapie, spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten Restriktionen aus der jeweiligen Sicht des Individuums.
Wer sich beispielsweise nach mehr Nähe sehnt und gleichzeitig mit dem Rückzugsbedürfnis des Gegenübers konfrontiert ist, erlebt eine solche Restriktion. Also eine Begrenzung der eigenen Möglichkeiten. Entscheidet sich diese Person, in der Beziehung zu bleiben, geht es darum, sich mit diesen Begrenzungen zu arrangieren. Im Wissen, dass wir in jeder zwischenmenschlichen Beziehung in irgendeiner Form auf solche Restriktionen treffen.
Gerade in Paarbeziehungen finde ich es faszinierend, wie wir immer wieder mit den gleichen Lösungsversuchen versuchen, eine Veränderung zu erzielen. Da braucht es manchmal einen Realitätscheck: Wie wahrscheinlich ist es, dass mein Partner oder meine Partnerin beim 1001. Erklärungsversuch, wie man die Spülmaschine «richtig» einräumt, es nun anders machen wird?
Der Grundsatz lautet dann, nicht mehr von dem zu tun, was schon über Jahre hinweg vergeblich versucht wurde, sondern einen neuen Weg einzuschlagen.
Die Frage verschiebt sich dann von:
„Wie bringen wir das weg?“
hin zu:
„Wie gehen wir damit um?“
Im hypnosystemischen Verständnis geht es weniger um Schuld oder darum, wer „recht“ hat, sondern darum, wie das Beziehungssystem funktioniert und wie neue Handlungsmöglichkeiten entstehen können.
Das kann entlastend sein. Denn es bedeutet auch, dass gewisse Dinge unveränderlich bleiben und es nicht darum geht, sich noch mehr anzustrengen im Dienste der Veränderung.
Anerkennung statt Anpassung
In der Beratung zeigt sich immer wieder, dass nachhaltige Entwicklung weniger durch Angleichung entsteht, sondern durch Anerkennung. Wenn sichtbar wird, dass hinter unterschiedlichen Haltungen jeweils ein gutes Anliegen steht, verändert sich der Blick darauf.
Die Person, die auf Struktur besteht, möchte oft Sicherheit und Verlässlichkeit schaffen.
Die Person, die Veränderung einfordert, bringt Bewegung und Entwicklung ins System. Beides ist wichtig.
Für eine gelingende Paarbeziehung braucht es beides: gemeinsame Werte, die verbinden, und ähnliche Interessen, die Inhalt geben. Gleichzeitig braucht es aber auch Unterschiede und Widersprüche, die Spannung erzeugen und Entwicklung ermöglichen.
Dieser Prozess braucht Zeit. Und er ist oft weniger geradlinig, als man es sich wünschen würde. In der Paararbeit geht es nicht darum, schnell Lösungen zu finden oder Unterschiede aufzulösen. Vielmehr entsteht Entwicklung dort, wo beide beginnen, die eigene Perspektive zu erweitern und die Andersartigkeit des Gegenübers zu erkennen und zu würdigen.
Im Kern geht es dabei um die Annahme des Gegenübers als ganzes Wesen , mit all seinen Facetten, Widersprüchen und Bedürfnissen.
Spannend finde ich, dass durch diese Annahme oft genau das entsteht, was wir am wenigsten erwarten: Wenn der Druck zur Veränderung nachlässt, erweitert sich häufig auch der Handlungsspielraum. Wenn ich nicht ständig darum kämpfen muss, so sein zu dürfen, wie ich bin, kann wieder mehr Bewegung entstehen. Es gelingt dann beispielsweise der Person mit höherem Rückzugsbedürfnis eher, sich wieder auf Nähe einzulassen.
Oder anders gesagt: Es fällt mir leichter, mich auf die Spülmaschinenordnung meines Gegenübers einzulassen, wenn ich mich in meiner eigenen Art, Dinge zu tun, gesehen und gewürdigt fühle.

