Stress erleben, eine hypnosystemische Perspektive
Viele Menschen kommen in die Beratung mit dem Wunsch, weniger Stress zu haben. Oft haben sie bereits viel ausprobiert: Organisationsstrategien, Priorisierungstechniken, gute Vorsätze oder Atemtechniken. Und trotzdem bleibt das Gefühl, innerlich unter Druck zu stehen.
In meiner Arbeit interessiert mich deshalb weniger die Frage, wie Stress möglichst schnell verschwindet, sondern vielmehr:
Wie wird Stresserleben erzeugt und was hält dieses Erleben aufrecht?
Stress ist kein Fehler
Stress ist kein Zeichen von Schwäche und kein persönliches Versagen.
Er ist ein Signal eines Nervensystems, das versucht, mit hohen Anforderungen umzugehen.
Problematisch wird Stress oft nicht durch seine Existenz, sondern durch den Umgang mit ihm, wenn wir ihn versuchen zu bekämpfen, wegdrücken oder uns selbst dafür verurteilen, dass wir gerade Stress erleben.
Diese innere Gegenwehr bindet Energie und verstärkt häufig genau das, was wir eigentlich loswerden wollen.
Wenn Stress den Blick verengt
In belastenden Phasen geraten viele Menschen in einen Zustand, den man in der hypnosystemischen Beratung als Problemtrance beschreiben kann:
Die Aufmerksamkeit richtet sich fast ausschliesslich auf Druck, Zeitmangel und Überforderung
Gedanken kreisen
Der Zugang zu eigenen Ressourcen wird enger
In diesem Zustand ist es schwer, klar zu denken oder gute Entscheidungen zu treffen. Nicht, weil etwas „nicht stimmt“, sondern weil das System auf Alarm geschaltet ist, ein Zustand, der neurobiologisch gut beschrieben und nachgewiesen ist: Unter Stress priorisiert das Nervensystem Überleben und Sicherheit, während reflektierendes Denken und differenzierte Entscheidungsprozesse in den Hintergrund treten.
Umlenkung der Aufmerksamkeit: vom Problem zur Ressource
Ein zentraler Ansatzpunkt in meiner Beratung ist deshalb die bewusste Umlenkung der Aufmerksamkeit.
Nicht weg vom Stress, sondern hin zu dem, was bereits trägt. Typische Fragen sind:
Wann erlebst du trotz hoher Anforderungen Momente von Ruhe oder Stimmigkeit?
Bei welchen Tätigkeiten vergisst du die Zeit?
Was ist in diesen Momenten anders, innerlich oder äusserlich?
Was davon liesse sich in kleinen Schritten öfter in den Alltag integrieren?
Solche Fragen verändern nichts „mit Gewalt“. Sie öffnen den Blick für vorhandene Kompetenzen und ermöglichen einen Wechsel aus der Problemtrance in einen lösungsorientierten Zustand.
Stress als Hinweis, nicht als Gegner
Stress wird in der Beratung nicht als Feind betrachtet, sondern als Hinweisgeber. Er kann zeigen:
wo Grenzen überschritten werden
wo Werte verletzt sind
wo alte Muster noch wirksam sind
wo Anpassung zu viel kostet
Die Frage lautet dann nicht: Wie werde ich den Stress los?
Sondern: Was will mir dieser Stress zeigen und was brauche ich im Umgang damit?
Mehr als Stressmanagement
Oft zeigt sich im Verlauf der Beratung, dass es nicht primär um knappe Zeitressourcen oder hohe Belastung geht, sondern um tieferliegende Themen:
Schwierigkeiten, Nein zu sagen
hohe innere Ansprüche
Angst, nicht zu genügen
fehlende Orientierung an den eigenen Werten
Wenn diese Ebenen berücksichtigt werden, verändert sich das Stresserleben oft nachhaltig. Nicht, weil alles leichter wird, sondern weil es stimmiger wird.
Eine andere Haltung zu Stress
Ziel ist nicht ein stressfreies Leben. Ziel ist ein bewusster, selbstregulierter Umgang mit Belastung.
Dazu gehören:
Stress wahrnehmen statt übergehen
Signale ernst nehmen statt ignorieren
Ressourcen stärken statt sich weiter zu optimieren
Stress wird so nicht zum Gegner, sondern zum Wegweiser.
Zum Schluss
Veränderung beginnt selten dort, wo wir uns noch mehr anstrengen. Sie beginnt dort, wo sich der Fokus verschiebt.
Von dem, was fehlt, hin zu dem, was bereits wirkt.
Von Kontrolle, hin zu in Beziehung sein, auch mit dem eigenen Stresserleben.

